Anwältinnen zwischen Selbstbeschränkung und Siegerpose – ein zickiger Zwischenruf

Anwältinnen – Beruf – Familie: Über den angeblich existenten Zusammenhang zwischen Rechtsgebietswahl und der viel beschworenen „Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf“

„Uschi, sei brav!“

In meinem neuen Aufsatz Uschi, sei brav“ beleuchte ich kritisch die freiwillige Selbstdemontage von Anwältinnen, die sich aufmachen, um angeblich „Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen“.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Anwältinnen nutzen offenbar die eigene Familie als Vorwand, um sich nicht im Wettbewerb beweisen zu müssen.

Start-These

Der Zusammenhang zwischen Rechtsgebietswahl und der viel beschworenen „Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf“ ist pure Ideologie. Vor allem Anwältinnen haben sie als unausweichlich akzeptiert und machen sich anschließend gern mal zum Opfer ihrer eigenen Entscheidung.

Freiwillige Selbstbeschränkung

Die eigene Berufswahl mit etwas anderem zu begründen als mit der eigenen Passion (und NICHT mit der Passion von Mama, Papa, Lebensabschnittsbegleitern oder Wauwau) führt zwar nicht durchgehend zu schweren Krankheiten – aber immer in die Irre. Dasselbe gilt selbstredend für die Wahl des Schwerpunkts innerhalb des Berufs.
So genannte „weibliche“ Rechtsgebiete wie z.B. Familienrecht (es gibt angeblich noch andere Rechtsgebiete mit diesem lustigen Beinamen) sind nach wie vor ein Tummelbecken für Anwältinnen.
Es lohnt sich also die Frage: Sind diese Personen wirklich alle bis zum Rand angefüllt mit Passion für genau dieses Rechtsgebiet? Sind sie wirklich alle beseelt vom Umgangsrecht, heimgesucht vom Versorgungsausgleich und erotisch angetörnt von der Gütertrennung?
Nein. Nicht alle jedenfalls. Manche von ihnen erhoffen sich nach eigener Angabe, durch diese Rechtsgebietswahl vor allem „Familie und Beruf unter einen Hut“ zu bekommen.
Nicht nur wegen der sprachlogischen Deppenhaftigkeit des Bildes (Will man tatsächlich Familie und Beruf dauernd im Hut mit sich führen, ständig auf so engem Raum so nah beieinander haben oder gar beides zeitgleich an der Garderobe liegenlassen?) möchte ich nach 27 Jahren Anwaltscoaching und -training diese vollautomatische inhaltliche Verknüpfung von Rechtsgebietswahl und Familienfürsorge nicht mehr länger ertragen.

Eine perfide Ideologie

Dieser angebliche Zusammenhang ist Gegenstand und Folge einer perfiden Ideologie. Sie kann – wie alle Ideologien – nur funktionieren, solange sie unreflektiert nachgeplappert, pflichtschuldigst sich selbst zugerechnet (So sind „wir Frauen“ eben…) und auf gar keinen Fall jemals wieder hinterfragt wird.
Der Duden führt das von mir gewählte Wort „perfide“ als Synonym zu „heimtückisch“. Heimtücke macht bekanntlich aus einem Totschlag einen Mord, führt also im Prinzip zu sieben Jahren mehr Knast – und hat dennoch das Wort „Heim“ in sich.
Spätestens das sollte Anwältinnen mit dem Hang zu dem „Hut-Thema“ zu denken geben!

Komisch: Nicht jede Kartellrechtlerin hat ein eigenes Kartell.

Um die Standard-Perfidie allgegenwärtiger Debatten, an der sich in problemverstärkender Manier (sogar in Vorträgen von und für Anwältinnen!) auch so manche Anwaltsorganisation beteiligt, noch zu toppen, wird schnell klar:
Jede durchschnittliche Anwältin hat eine Familie, ist also – zumindest nach dem verführerischen Subtext dieser Heimtücke – so gut wie prädestiniert für das gleichnamige Rechtsgebiet. Wie kommt es denn, dass nicht jeder Kartellrechtler ein eigens Kartell hat? Schon gar nicht die Kartellrechtlerin? Was genau läuft da schief?

Wer profitiert von dem Ideologie-Trio aus Anwältin, Rechtsgebietswahl und Familienfürsorge?

Die berufliche und private Umgebung, sofern männlich, freut sich am meisten über die Entscheidung ihrer unermüdlichen Multitasking-Kolleginnen:

1. Männliche (und ein paar weibliche, mutmaßlich kinderlose Emanzen-) Kollegen greifen ungestört die high-end-Mandate im Gesellschaftsrecht ab und postulieren spaßbefreit und ironiefern „Der Bedarf im Gesellschaftsrecht ist bekanntlich kein Teilzeit-Bedarf“.
Ihre Freude ist kein bisschen geschmälert, wenn die Anwältin „nach den Kindern“ die „Vollzeitstelle“ wieder anpeilt und/oder „auch einen gewissen Teil von Kuchen abbekommen“ will.
Nicht nur die Jungs hören begeistert heraus, wie verzweifelt jemand sein muss, der sich derart defensiv und bittstellerisch als Opfer eigener Entscheidungen aufführt – und dadurch die Macht der häufig männlichen Widersacher faktisch stärkt.

2. Männliche Ehepartner sowie pubertierende Jugendliche beiderlei Geschlechts freuen sich ebenfalls, dass ihnen das lästige Dazulernen erspart bleibt.
Ganz wie zu Zeiten vor der Nachwuchs-Produktion erscheinen erstere erschöpft und Schlüsselbund geräuschvoll ablegend aus ihrem Vollzeit-Alltag und hoffen – selten total heimlich – auf Ruhe nach dem Sturm.
Die Zweiterwähnten mussten nicht zwangsläufig nach der Schule die Spülmaschine bedienen oder „ständig“ auf kleine Geschwister aufpassen, denn es ist ja jemand da, der das…. Äh, ähm… auch für die Wäsche…
Das hilft also fast allen total, wenn eine hoch ausgebildeten Akademikerin sich begnügt mit dem, „was vom Tage übrig blieb“, zum Zeichen ihrer Dankbarkeit im Bildhintergrund die Kinder ins Bett bringt und dann noch schnell die Wäsche macht, während der Nachwuchs frisch geduscht und hoffnungsfroh abends die Entertainment-Piste betritt und der Gatte entrückt auf dem Sofa in die REM-Phase eintaucht: Kraft tanken für den nächsten Arbeitstag.

Durch Glaubenssätze werden gesellschaftliche Gewohnheiten zu „eigenen Ideologien“

Wie katastrophal Auswirkungen von Glaubenssätzen im Anwältinnenhirn sind, zeigen viele ungewollt abgebremste oder sogar abgebrochene Anwältinnen-Karrieren. Die schlimmsten Glaubenssätze lauten:

„Um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, muss ich zurück stecken.“
„Ich muss mich entscheiden zwischen Beruf und Familie“.
„Nur ein Rechtsgebiet mit geringen Beratungsteilen kommt in Frage, wenn ich beides will.“
„Ein Kind braucht die Mutter.“

Weitere unspezifizierte Dummheiten fallen Ihnen bestimmt selbst ein.

Anwältin-Rechtsgebietswahl-Familie | Drei dringliche Fragen zur rein ideologisch motivierten Karrierebremse:

Ihre Betroffen-Heit und Ihr Betroffen-Sein vorausgesetzt: Beantworten Sie sich doch mal unvoreingenommen die folgenden Fragen:

1. Ist wirklich ALLES unter einem Hut?

Fatal: In der Aufzählung „Familie und Beruf“ fehlt ganz offensichtlich die Anwältin selbst! Familie und Beruf haben schon alles bekommen. Was (außer dem schnurstracks angetretenen Weg in die selbstgewählte Opferrolle) bleibt für die Anwältin selbst? Wie viel Platz „unter dem Hut“ nimmt sie sich für sich? Ich meine damit: NUR für sich?
Peinlich – und leider nicht nur für die Familie negativ folgenreich – wird diese Inkongruenz am Beispiel Honorar: Weder Beruf noch Kinder im Vorschulalter noch Ehepartner (also 100 % der angeblichen Profiteure) profitieren, wenn die Anwältin ihre Lebenszeit an Unbekannte verschenkt.
Das tut sie nämlich faktisch, wenn sie bis 23 Uhr im Bett sitzt und eine am Nachmittag mit der weinenden Mandantin lange (viel zu lange! Und unbezahlt!) diskutierte Vereinbarung im Umgangsrecht vorbereitet, die sie dann auch nach dem RVG (!) abrechnet.
Wenn Sie sich nicht sofort selbst damit stoppen, wer soll Sie stoppen?

2. Was – verdammt nochmal – an diesen Rechtsgebieten ist besonders weiblich?

Ein ähnlich harter Kampf um Märkte, Mandanten und Moneten wie im Familienrecht wird bestenfalls noch in der Hedgefonds-Welt beobachtet:
Dort haben alle frisch gegelten männlichen Möche-Gern-Taktgeber im zarten Alter von 34 Jahren ihren ersten – selbstverständlich geheim gehaltenen – Herzinfakt.
Tricks, Tränen und geschickte Transaktionen sind hüben wie drüben hinlänglich bekannt, Zahlungsverpflichtungen zu beschränken: Wer die Börsenaufsicht bei einem Insider-Geschäft umgeht oder die Großaktionäre durch moralisch-manipulativ vorgetragene Behauptungen („Wir haben unsere Aktionäre auf jeden Fall rechtzeitig informiert“) um c.a. 39 Millionen Euro prellt, ist ultra nah an Mandanten im Familienrecht, die mit allen Tricks arbeiten

3. Wer wird (im Familienrecht) beruflich richtig glücklich?

Alle Anwälte und Anwältinnen, die (Wirklich Wichtiges ist bekanntlich nie geschlechts- religions, nationalitäts- oder rechtsgebietsabhängig!) eine klare Marktstrategie haben. Das Segmentieren von Mandanten muss jedenfalls in der Öffentlich absolut eindeutig sein, besonders in Ihrer Online-Strategie.
(Wenn Sie nach außen nur Ausländer vertreten, heißt das nicht, dass Sie jeden deutschen Probleminhaber abwehren müssen. Sie machen eben nur keine Werbung mit ihnen oder für sie).

4. Fünf weitere Sofort-Wohlfühl-Tipps (von c.a. 48) für das berufliche Glück im Familienrecht:

1. Passion
Wozu haben Sie richtig Lust? Was Sie (geschäftlich) morgens mit Begeisterung aufstehen bzw. (privat) abends mit Vorfreude ins Bett gehen lässt, nennt man auch Passion. Ohne sie ist alles gar nichts.

2. Mandant:
Ein Mandantenfokus kann zu dieser Strategie führen („Nur Frauen“, „Nur Unternehmergattinnen im Umkreis von München“, „Nur Inder mit deutschen Frauen“, „Nur Homosexuellen-Partnerschaften“, „Nur einvernehmliche Scheidungen“ etc.).

3. Fähigkeit:
Ein Fokus auf besondere Fähigkeiten der Anwältin kann dorthin führen („Nur Unternehmer-Scheidungen, bei denen das Unternehmensvermögen geschont werden muss. Ich kann nämlich als Steuerberater super Bilanzen lesen!“ oder „Nur Scheidungen aufgrund von Gewalt in der Ehe, bei denen der gewalttätige Partner auch angezeigt wird. Ich kann nämlich auch Strafrecht“)

4. Gruppe
Ein Fokus auf eine Gruppe wird schnell weiter getragen (Nur Mandanten unseres Hauses, nur Ausländer mit Kindern, nur Senioren, nur Kindschaftssachen)

5. Honorarklarheit
Ein Fokus auf den Mindesthonoraren eines jeden Mandats sichert Arbeitsplätze, auch Ihren! Ihr Honorar wird nach betriebwirtschaftlichen Gesichtspunkten berechnet – und auf keinen Fall nach dem, was sich angeblich die Mandanten maximal leisten können – und in den meisten Fällen schon gar nicht, was das RVG vorsieht.

5. Courage oder Blamage? Die fehlende (!) Angst der Anwältinnen vorm Eigentor

Die Statistik zeigt die fehlende (!) Angst der Anwältinnen vorm Eigentor. Etwas mehr Angst wäre angebracht, denn gerade Anwältinnen sollten das Überqeren der mindestens vierspurigen Anwalts-Markt-Strasse doch überleben, oder?
Obwohl auch schon im Jahr 2015 der Trend im Familienrecht nicht gerade zum Zweitanwalt und generell – seit Erfindung des Familienrechts – nicht direkt zum Folgemandat geht, ist die extrem hohe Zahl an Fachanwaltstiteln (9865 im Jahr 2016 insgesamt) in diesem Rechtsgebiet wirklich erstaunlich.
318 in Deutschland vergebene Fachanwaltstitel im Familienrecht gab es 2016 MEHR als im Jahr 2015; 173 Anwältinnen statteten sich in dieser Zeit mit nagelneuem Fachanwaltstitel im Familienrecht aus.

Die BRAK berichtet:
Vom vorletzten Jahr 2015 (mit 163.513 Anwälten, darunter 773 neu zugelassene Anwältinnen) bis zum Jahr 2016 (mit 163.772 Anwälten, darunter 562 neu zugelassene Anwältinnen) stiegen die Gesamt-Zulassungszahlen von Anwälten erstmals wieder so langsam wie in dem Jahr 1973 (mit 25.008 Anwälten gesamt) auf das Jahr 1974 (mit 25.829 Anwälten gesamt).

Neu zugelassene Anwältinnen
Nur noch 526 Anwältinnen wurden 2016 in Deutschland neu zugelassen, das sind genau 211 weniger Neuzulassungen als im Vorjahr 2015.
Die Zahl der Neuzulassungen von Anwältinnen sinkt beständig seit 2013. Wie kommt das?

Fachanwaltschaften Familienrecht
2016 waren von den 55.474 Anwältinnen (33,87 % aller in Deutschland zugelassenen Anwälte) jede 10. Anwältin eine Fachanwältin für das Familienrecht. Eine höhere Zahl erzielten 2016 nur die männlichen Fachanwälte für Arbeitsrecht.
(Alles Zahlen der BRAK)

Meine Vision ist vielleicht Teil Ihrer Lösung?

Anwältinnen richten sich in ihrer Spezialisierung ausschließlich nach eigener Lust, gesellschaftlichen Trends und eigenen besonderen Fähigkeiten – und auf keinen Fall nach Begrenzungen durch Kinderbetreuung, Familien oder sonst welchen Torpedos.

Das könnte so gehen:
Innovative Kanzleigründer/-innen starten durch im Gesellschafts-, Steuer- Transport- oder Arbeitsrecht (bestimmt auch manche im Famileinrecht) in einer papierlosen Boutique, in der alle Anwälte /-innen kinderreich sein müssen.
Sie arbeiten selbstverständlich ab und zu von zu Hause aus, betreiben eine geographisch nah gelegene, eigene Kindergartengruppe (Profis im Kindergartengeschäft leiten das) und haben standardisierbare Teile ihrer Mandate an Anwaltsportale wie 123Recht.de oder Anwalt.de technologisch ausgelagert haben (Legal Tech).
Bevor der mandant den Anwalt erstmals sieht, kommt dieser Mensch zum Zuge:

Der Empathie-Manager im Familienrecht
Mandanten kommunizieren über Skype. Sie teilen ihren Fall einem in Gesprächsführung ausgebildeten, vormals arbeitslosen Sozialarbeiter mit.
Der notiert alles, fängt die weinenden Menschen auf, erfragt Details des Problems nach einem fest stehenden Fragebogen.
Er antwortet nicht auf rechtliche / taktische Fragen. Er pflegt alles elektronisch ein. Wenn er technisch begabt ist (sollte er!), legt er die elektronische Akte mit den vollen Daten des neuen Mandanten an und überträgt sie ins CRM.
Er mailt die Vollmacht, teilt dadurch seine e-mail Adresse mit, mailt seinen eigenen Link zur Webseite des Anwalts elektronisch mit.

Gratulation:
Stimmt. Das Berufsbild des Empathie-Managers wurde soeben geboren! Gratulation. Es ist ein Wassermann, glaube ich: 19. Februar 2017 Oder ist das noch Steinbock? Ohjeh. Zu prinzipientreu, oder?

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